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Predigt zum 4.SJKLJB 2018 (1 Kor 7, 32-35)

 

Meine Schwestern und Brüder im Herrn,

was der Apostel Paulus da in seinem 1. Korintherbrief zum Verhältnis zwischen den Verheirateten und den Unverheirateten sagt, erscheint uns heute als eine grobe Unverschämtheit.

„Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt, er will seiner Frau gefallen. – Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.“ Analog sagt Paulus dasselbe über die Frauen – verheiratet oder unverheiratet.

Immer dann, wenn diese oder ähnliche Texte des Apostels Paulus zur Lesung anstehen, dann höre ich von den LektorINNen in der Sakristei, dass man solche Texte doch nicht vorlesen kann.

Ich finde schon, dass man sie lesen und vorlesen muß, denn sie gehören zu unserem christlichen „Erbgut“. Sie prägen ja bis heute unsere Vorstellungen von einem „moralisch“ hochwertigen oder minderwertigem christlichen Leben. Einige von Ihnen werden es noch im Brautunterricht gehört haben, dass der Geschlechtsakt ausschließlich der Zeugung von Nachkommenschaft zu dienen hat und jeder Geschlechtsakt ohne die Absicht Nachkommen zu zeugen, schwerste Sünde sei.

Eines ist dabei klar. Geld hat nicht jeder und Macht hat auch nicht jeder. Aber Sexualität hat jeder. Und wenn ich da den moralischen Zeigefinger dran kriege, dann hab ich den Menschen im Griff.

Diesem Quatsch kann man nur begegnen, wenn man sich genau den Bibelstellen stellt, die für solche Positionen bisher – und manchmal leider auch bis heute noch von einigen – als Beleg dafür genommen werden.

Und diese Stelle aus dem Korintherbrief ist eine der berühmten Stellen, die bis heute dafür herangezogen werden.

Also fangen wir mal an, diese Stelle aufzudröseln. Als erstes steht da der Paulus und die frühchristlichen Gemeinden in unserem Blickfeld. Da gab es die Vorstellung, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht und Jesus Christus bald in seiner Herrlichkeit wiedererscheinen würde – klar, dass die Unverheirateten da besser dastanden.

Ich vergleich das mal mit mir als Unverheiratetem und mit meinen verheirateten Schwestern, die dazu auch noch Kinder haben. Das ist doch klar, dass die sich bei einem bevorstehendem Weltuntergang ersteinmal um ihre Partner und Kinder kümmern. Alles andere wäre unverantwortlich. Ich hingegen könnte mich schön geistlich auf die Begegnung mit dem wiederkehrenden Christus vorbereiten – ich als Single habe ja auch keine Verantwortung für irgendwen.

Also schon von daher paßt die nahtlose Übertragung dieses Textes des Apostels Paulus in unsere Zeit nicht. Das mit der „Naherwartung“, so heißt das in der Theologensprache, hat sich nicht erfüllt.

Und dann kommt noch hinzu, dass „Ehe“ damals zur Zeit des Apostels Paulus etwas anderes war als „Ehe“ heute. Damals war die Ehe einfach ein Besitzanspruch des Mannes auf die Frau. Er war ihr Besitzer. Und in diesem Sinne ist auch das 6. Gebot zu verstehen: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“. Da geht es keineswegs um Sexualmoral. Die Ehe zu brechen war kein Sexualdelikt sondern ein Eigentumsdelikt – Diebstahl würden wir heute dazu sagen. Da hätte der Mann auch die Kuh des Nachbarn klauen können. (Übrigens: von daher kommt der sich bei uns aus amerikanischen oder polnischen Filmen her einschleichende Brauch, dass die Braut vom Vater an den Traualtar geführt wird – sie wird einfach ihrem nächsten Besitzer übergeben – Kuhhandel!)

Und gleichzeitig wird man sagen müssen, dass von damals bis heute Partnerschaft und Beziehung mehr ist als das, was man mit dem Rechtsbegriff Ehe gefaßt werden kann. Wir Menschen leben in und aus Beziehungen – und die lassen sich nicht immer in staatlichem, religiösen oder kirchlichem Recht fassen.

Das macht ja die Diskussion um die „Ehe für alle“ deutlich. Wir haben für eine Beziehung aus und in Liebe durchaus unterschiedliche Bezeichnungen. Die „ordentlichen“ Beziehungen nennen wir „Ehe“. Daneben gibt es aber auch die „außerordentlichen“ und die manchmal „unordentlichen“ Beziehungen. Bei den Königen waren das die Maitressen, bei den Klerikern die Konkubinen, beim Mann von der Straße das „Verhältnis“- während ich das so schreibe fällt mir auf, dass diese Bezeichnungen immer nur vom Mann her gedacht sind. Wie hieße das jetzt aus der Sicht einer Frau?

Meine Schwestern und Brüder,

Sie sehen, wenn ich anfange unsere Beziehungen so in Kategorien oder Schubladen einzuordnen, dann verheddere ich mich heillos.  Dann komme ich vom Hölzchen aufs Stöckchen – aber nicht zum Baum.

Und dem Paulus ging es damals um den Baum. Eben um dem Gott, der die Liebe ist. Dem ging es gar nicht um eine moralische Bewertung der unterschiedlichen Lebensformen – ob verheiratet oder unverheiratet: „Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.“

Dem Paulus geht es letztlich darum, dass die Menschen auf Grund der Sorge um ihre Lieben nicht ihr erstes und letztes Lebensziel aus dem Blick verlieren.

Und Gott als das erste und letzte Lebensziel aus dem Blick zu verlieren, meine Schwestern und Brüder, können heute die Unverheirateten genauso gut wie die Verheirateten.

Ich dreh das, was der Apostel Paulus gesagt hat, jetzt mal herum. 

Ein narzististisch in sich selbst verliebter zölibatärer Kleriker, der nur um sein Amt und seine Würde kreist, der wird von der Liebe Gottes weitaus weniger verkündigen als der Mann oder die Frau, die sich um ihres Partners willen pflegen, schön machen und sich mehr um den anderen sorgen als um sich selbst.

Ich liebe diese Texte des Apostels Paulus, weil sie – wenn man sie in ihrem historischen und kulturellen Kontext liest – jede Menge Sprengstoff für uns heute beinhalten. Und das ganz besonders für die unverheirateten Kleriker in der Kirche! Amen.

 

Eigentlich sollten hier meine Predigten zu lesen sein. Da ich aber immer mehr dazu übergehe "frei Schnauze" zu predigen, kommen nur noch selten Predigten in Schriftform zustande.

Hier also nur die, die sich großer Nachfrage erfreuen. Und vielleicht gelingt es mir ja auch mal ein Archiv zum Nachlesen anzulegen.

Aktuell die Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B 2019. 

Darunter ältere Predigten:

Predigt zu Silvester/Neujahr 2016/17

Predigt zu Weihnachten 2016

Predigt zu Allerheiligen 2016

Predigt zur Einführung im SB-Königswinter-Am Oelberg